Schriftstellerin Sofi Oksanen: Wissen ist eine billige und allgemein verwendbare Waffe

Rede der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen bei der Internationalen Konferenz zum Thema “The Legacy of Totalitarismus Today” am 12. Juni 2014 in Prag

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Im Folgenden ist der Wortlaut der Rede von Sofi Oksanen bei der Internationalen Konferenz zum Thema “The Legacy of Totalitarismus Today” (Das Erbe des Totalitarismus heute) im Parlament der Tschechischen Republik am 12. Juni 2014: Ursprünglich von “The European Platform for European Memory and Conscience” (Europäische Plattform für die europäische Erinnerung und Bewusstsein) veröffentlicht.
Übersetzung durch EuromaidanPR; der englischer Originaltext ist auf “upnorth.eu” erschienen.

“Im Laufe dieses Frühjahrs haben die westlichen Medien mir ständig die gleichen Fragen gestellt, von Land zu Land und von Interview zu Interview:

  • Was will Putin?
  • Welches ist das nächste Land, das angegriffen wird? Wer ist der nächste?
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Russische Soldaten ohne Kennzeichnung auf der Krim am 28.2.2014. Quelle: VOA/Wikipedia

Diese beiden Fragen enthalten schon die Vermutung, dass Russland die Krim nie an die Ukraine zurückgeben wird. Ich sage das, weil kein Journalist mich jemals gefragt hat, wann die Invasion der Krim beendet wird; und es scheint mir, sie brauchen nicht zu fragen, weil sie nämlich bereits glauben, dass es nie passieren wird, und ich bin sicher, wenn jeder das so macht, eben daran zu glauben, dann wird es in der Tat nie passieren. Sie fragen auch deswegen nicht, weil sie die Geschichte der Krim-Invasion nicht mehr verfolgen, denn ihr Interesse an dieser Geschichte verschwand bald nach der illegalen Annexion der Halbinsel durch Russland. Vielleicht hat die traditionellen Dramaturgie des westlichen Nachrichtenjournalismus daran die Schuld, denn sie folgt immer der Gestalt, die dem Vorfall ein Gesicht gegeben hat, in diesem Fall Putin, und das machte ihn zum Protagonisten der Geschichte. Und wenn sein Fokus absichtlich umgeschaltet wird auf andere Themen, dann folgen die Medien dem und lassen die Krim aus dem Blickwinkel verschwinden. Oder hat die Öffentlichkeit die Halbinsel schon vergessen, weil der Hype schon auf der östlichen Ukraine lag, mit einer sichtbaren Wirkung, einfach zu verkaufen, und ist sie damit den Wünschen Moskaus gefolgt?

Oder ist der Grund für das verlorene Interesse die grausame Tatsache, dass der Westen einfach nicht gut genug über die Halbinsel Krim weiß, um sich darum zu kümmern, und die meisten Menschen den Ort noch nie besucht haben? Wäre das Verständnis ein anderes, wenn der Protagonist der Invasion nicht Putin sondern ein Krimtatare wäre, der gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen und in andere Teile der Ukraine zu fliehen? Oder wenn die Hauptfigur ein örtlicher Oberschüler wäre, dem nicht mehr erlaubt ist, in seiner Muttersprache zu studieren? Continue reading