Timothy Snyder: Die Schlacht in der Ukraine kann alles bedeuten

Sergey Ponomarev/The New York Times/Redux – Titelseite der “New Republic”

Übersetzung aus dem Englischen. Erschienen am 11. Mai 2014 in “New Republic”.

Timothy Snyder ist Housum-Professor für Geschichte an der Yale-Universität und Autor des Buches “Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin”. Zusammen mit Leon Wieseltier bereitet er einen Kongress der internationalen und ukrainischen Intellektuellen vom 16. bis 19. Mai in Kyiw vor unter dem Motto: “Ukraine: Zusammen überlegen”. Dieses Essay ist eine Überarbeitung eines früheren Artikels, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.

Wir vergessen allzu leicht, wie der Faschismus funktioniert: als eine helle und glänzende Alternative zu den weltlichen Aufgaben des Alltags, als Lobhudelei des offensichtlich völlig Irrationalen und gegen den gesunden Menschenverstand und die Erfahrung. Der Faschismus verfügt über Soldaten, die nicht aussehen wie Soldaten, über eine Gleichgültigkeit gegenüber den Gesetzen des Krieges in ihrer Anwendung gegen als minderwertig angesehene Menschen, über die Feier eines “Imperiums” nach kontraproduktiven Landnahmen. Faschismus bedeutet die Feier der nackten männlichen Gestalt, eine Obsession bezüglich der Homosexualität, die gleichzeitig kriminalisiert und nachgeahmt wird. Faschismus lehnt Liberalismus und Demokratie als Schein-Formen des Individualismus ab, besteht auf dem kollektiven Wille über die individuelle Auswahl und fetischisiert die glorreiche Tat. Da der Tat ist alles, und das Wort ist nichts, sind Worte nur deswegen vorhanden, um Taten möglich zu machen, und sie dann zu Mythen von ihnen zu machen. Eine Wahrheit kann es nicht geben, und deswegen ist Geschichte nichts anderes als eine politische Ressource. Hitler konnte vom Heiligen Paulus als seinen Feind sprechen, Mussolini konnte die römischen Kaiser verdammen. Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir vergessen, wie attraktiv das alles einmal für die Europäer war, und dass in Wirklichkeit nur eine Niederlage im Krieg es diskreditiert hat. Heute sind diese Ideen in Russland auf dem Vormarsch, einem Land, das seine historische Politik rund um den sowjetischen Sieg in diesem Krieg organisiert hat, und der russische Sirenengesang hat eine seltsame Anziehungskraft in Deutschland, dem besiegten Land, das angeblich daraus gelernt hat.

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